Gemeinsame Position der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Landbau Baden-Württemberg (AÖL), des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV), des Landesbauernverbands in Baden-Württemberg (LBV), des Geflügelwirtschaftsverbandes Baden-Württemberg sowie der Landestierärztekammer Baden-Württemberg zum Thema Freiland-Auslauf Geflügel ab Tag 0
Die oben genannten Verbände nehmen die geplanten Änderungen in der EU-Öko-Verordnung 2018/848 zur Haltung von Bio-Geflügel mit Sorge zur Kenntnis. Insbesondere die Forderung, Geflügel ab dem ersten Lebenstag mit Freilandzugang zu halten, ist sowohl aus tierärztlicher Sicht als auch aus Sicht der Verbände sehr kritisch zu bewerten. Diese Haltung widerspricht den grundlegenden Anforderungen an eine tiergerechte Aufzucht.
Grundsätzlich befürworten wir eine tiergerechte Haltung und die Förderung des Tierwohls. Allerdings ist es aus fachlicher Sicht unzumutbar und gesundheitlich bedenklich, Küken ab Tag 0 auf Freiland zu lassen. In den ersten Lebenswochen sind die Tiere noch nicht vollständig befiedert und verfügen über ein unreifes Immunsystem. Dadurch ist auch die eigenständige Thermoregulation noch nicht gewährleistet. Sie benötigen eine konstante Umgebungstemperatur von 32 bis 34 °C. Dies kann im Freiland nicht gewährleistet werden, insbesondere bei schwankenden Außentemperaturen, Wind oder Feuchtigkeit.
Nach der fachlichen Einschätzung der Landestierärztekammer Baden-Württemberg ist die Befiederung erst nach der dritten Mauser (Woche 12 bis 16) vollständig ausgeprägt und erst dann ist das Immunsystem stark genug, dass die Tiere den Freilandzugang nutzen können. Eine frühzeitige Freilandhaltung setzt die Küken erheblichen Risiken aus, darunter zum Beispiel Infektionen, Wetterschwankungen, Zugluft, Greifvögel und Schadnagerbefall. Diese Faktoren können die Gesundheit der Tiere stark beeinträchtigen und die Mortalität gravierend steigern.
Studien belegen, dass Küken in den ersten Wochen eine kontrollierte und stabile Umgebung benötigen, um sich optimal zu entwickeln. Küken sind in dieser frühen Lebensphase nicht in der Lage, Futter, Wasser, Wärmequellen oder Schutzräume im Auslauf selbstständig und sicher aufzufinden. Dies erhöht das Risiko für Unterversorgung, Auskühlung und Stress. Ein zu früher Aufenthalt im Freien erhöht die Gefahr von Krankheiten und Parasiten und führt häufig zu einem erhöhten Einsatz von Antibiotika, was sowohl aus ökologischer Sicht problematisch ist als auch die Tiergesundheit gravierend gefährdet.
Der frühe Zugang zum Auslauf bedeutet nicht nur eine erhebliche gesundheitliche Gefahr, sondern ist für die landwirtschaftlichen Betriebe wirtschaftlich nicht zumutbar. Die Kosten für den Umbau der Stallanlagen, die zusätzlichen tierärztlichen Behandlungen und die potenziellen Verluste durch Krankheitsausfälle stellen sowohl für die Junghennenaufzucht als auch für die Geflügelmast eine erhebliche Belastung dar.
Gemeinsam fordern wir daher eine realitätsnahe und tiergerechte Umsetzung der Verordnungen. Wir plädieren für eine evidenzbasierte Politik, die die tierärztlichen Empfehlungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt. Eine starre gesetzliche Vorgabe, Küken bereits ab Tag 0 den Zugang zum Freiland zu gewähren, gefährdet nicht nur die Tiergesundheit, sondern auch die Existenz vieler Betriebe, die bereits jetzt ein hohes Maß an Tierwohl in ihren Ställen bieten können.
Zusammenfassend halten wir fest:
- Die frühe Freilandhaltung von Küken ab Tag 0 ist gesundheitlich bedenklich und widerspricht wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Tierentwicklung.
- Die Risiken für die Tiergesundheit steigen erheblich, was zu erhöhtem Medikamenteneinsatz führt.
- Die praktische Umsetzbarkeit ist angesichts der biologischen und klimatischen Bedingungen in Deutschland nicht gegeben.
- Es besteht die Gefahr, dass Betriebe aus wirtschaftlichen Gründen oder aufgrund unzureichender baulicher Voraussetzungen den ökologischen Landbau aufgeben müssen.
Die Verbände fordern daher eine Überprüfung der geplanten Regelungen im Sinne des Tierwohls, das auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und die praktische Umsetzbarkeit berücksichtigt.
Zur AÖL: Die AÖL ist die gemeinsame Vertretung der ökologischen Anbauverbände in Baden-Württemberg. In dieser Funktion gestaltet die AÖL aktiv die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Land mit. Als Bindeglied zwischen Politik, Markt und Verbraucherschaft befördert sie die Belange der ökologischen Land- und Ernährungswirtschaft aktiv. Gemeinsam mit staatlichen Einrichtungen und anderen berufsständigen Organisationen arbeitet sie die gesellschaftlich erwünschten Stärken von ökologisch erzeugten und verarbeiteten Produkten – im Besonderen von heimischer Öko-Verbandsware – im Interesse der Verbraucherinnen und Verbraucher heraus.
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