Eckpunktepapier „Bildung in der Landwirtschaft“

Mit dem Biodiversitätsstärkungsgesetz sowie dem Aktionsplan „Bio aus Baden-Württemberg“ hat sich das Land Baden-Württemberg das Ziel gesetzt, bis 2030 den Anteil des Öko-Landbaus an den bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen auf 30 bis 40 Prozent zu steigern. Ebenso sieht die Landesregierung im Koalitionsvertrag vor, den Anteil des Öko-Landbaus in den Ausbildungs- und Studiengängen stark auszuweiten und in den Landesanstalten, der Verwaltung und der Fortbildung von Lehrenden zu verankern. In der beruflichen Bildung soll danach eine Gleichwertigkeit von ökologischem und konventionellem Landbau erreicht werden. Beide Ziele gehen miteinander einher: Um die Flächenziele zu erreichen, muss sich auch die berufliche Bildung stärker auf den Öko-Landbau fokussieren.

Die Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau Baden-Württemberg (AÖL) e.V. fordert entsprechend den selbstgesetzten Zielen der Landesregierung eine grundsätzliche Verankerung des Öko-Landbaus in der Bildung. In ganzer Konsequenz muss daneben auch eine Ökologisierung der Bildung in der konventionellen Landwirtschaft, sowie schließlich in Handwerk und Verarbeitung, Handel und Gastwirtschaft und somit der gesamten Wertschöpfungskette erfolgen. Damit diese Umgestaltung gelingen kann, sind folgende Punkte zu berücksichtigen:

  1. Lehrer:innenausbildung mit Fokus auf ökologische Landwirtschaft

Die Lehrer:innenausbildung fällt für die verschiedenen Ausbildungswege und -stufen der landwirtschaftlichen Ausbildung, sowie der Ausbildung in den handwerklichen Berufen in die Zuständigkeit unterschiedlicher Ministerien. Um die nachfolgenden Anmerkungen im Sinne eines „Ausbildungs-Gesamtkonzeptes“ erfolgreich, vernetzt und zielgerichtet umsetzen zu können, braucht es daher vermehrte Abstimmungen, ein koordiniertes Vorgehen und klare Zuständigkeiten unter den Ministerien.

Die gleichwertige Verankerung des Öko-Landbaus in den Lehrplänen (wie sie derzeit bearbeitet wird) ist für tiefgreifende Veränderungen nur der erste Schritt – vielmehr müssen die Lehrkräfte neben Wissen auch Motivation für den Öko-Landbau vermittelt bekommen. Dementsprechend muss der Öko-Landbau fester Bestandteil von Aus- und Fortbildungenfür Lehrkräfte werden. Idealerweise kann hier für die Vermittlung von Wissen sowie für Exkursionen auf das Netzwerk der Bio-Musterregionen zurückgegriffen werden. Wichtig ist die Bereitstellung von verbindlichen und qualitativ hochwertigen Angeboten zur Lehrer:innenfortbildung und -vernetzung auf Landes- und Bundesebene. Die Weiterbildungsangebote der ökologischen Anbauverbände können nach außen geöffnet werden. Diese sollten als offizielle Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten anerkannt werden, Lehrkräften nahegelegt, diese dafür auch freigestellt und die Teilnahmegebühren übernommen werden. Die Organisation kann insoweit von den Anbauverbänden übernommen werden, während die staatliche Finanzierung gesichert sein muss. Auch Angebote für Referendar:innen – also der folgenden Generation an Lehrkräften – sind zu verbessern. Hier sind beispielswiese Praktika während des Referendariats auf Öko-Betrieben denkbar, um schon in der Ausbildung einen Praxisbezug zum Öko-Sektor herzustellen.

  1. Strukturelle (Neu-)Ausrichtung der Berufs- und Fachschulen

Die Grundausbildung ist von großer Relevanz für die Wahl des weiteren Ausbildungsweges. In den Klassen 1-3 der Berufsschulen hält die AÖL einen gemeinsamen und zudem deutlich verstärkten Unterricht zu den Themen des Öko-Landbaus daher für zielführend. Die Klassen sollten nicht in „öko“ und „konventionell“ getrennt werden, da die Auszubildenden nur im gemeinsamen Unterricht zusammen lernen, diskutieren und sich gegenseitig wahrnehmen können.

Die Ökologisierung der Landwirtschaft muss als Standard in der Grundausbildung entwickelt werden. Gleichzeitig ist die Integration des Öko-Landbaus in den Berufsschulunterricht und in weitere bereits bestehende Lernangebote elementar. Hier ist beispielsweise bei den verpflichtenden Lehrgängen für Auszubildende an der Landesanstalt für Schweinezucht Boxberg (LSZ) und am Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg Aulendorf (LAZBW) langfristig eine deutliche Ausweitung der Behandlung des Öko-Landbaus auf 10 „Öko-Tage“ vorzunehmen. Daneben kann eine verpflichtende überbetriebliche Ausbildung für Öko-Landwirtschaft mit Prüfungsrelevanz angedacht werden; Öko-Betriebe sollten in den Fokus der überbetrieblichen Ausbildung rücken. Nur mit einer intensiven Beschäftigung kann das ganzheitliche Bewirtschaftungskonzept des Öko-Landbaus vermittelt werden. Lokal und kurzfristig könnten solche Angebote über die BioMusterregionen finanziert werden. Langfristig müssen Haushaltsmittel für die Umsetzung zur Verfügung gestellt werden.

Darüber hinaus begrüßen wir Angebote für zwei gleichwertige Bildungswege – ökologische und konventionelle Landwirtschaft – in den Hoch- und Fachschulen (Techniker, Wirtschafter, Meister). Allerdings sehen wir in diesem System einen sehr großen finanziellen Mittelbedarf; eine Umstrukturierung muss finanziell abgesichert sein, um sich nicht zu Lasten der Ausbildungsqualität auszuwirken.

Die Lehrpläne für die Berufs-, Fach- und Hochschulen sowie zusätzliche Handreichungen bzw. Arbeitsanweisungen und Lehrplanauslegungen für die Umsetzung des Öko-Landbaus im Unterricht sollten vom Kultusministerium in einem neuen Gremium mit dem Ministerium für Ländlichen Raum, Bio-Berater:innen, der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Landbau e.V. sowie Lehrkräften abgestimmt werden. Grundsätzlich sollten Expert:innen des Öko-Landbaus und aus der Praxis stärker eingebunden werden; deren Know-How, Praxis-, Beratungs- und Weiterbildungserfahrungen können innovative Ansätze auch für die berufliche Bildung bieten.

Um die o.g. Ziele der Landesregierung zu erreichen und den Sinn für die ökologische Wirtschaftsweise zu schärfen, sollten mehr Exkursionen auf Öko-Betrieben stattfinden. In diesem Sinne sollte ein Netzwerk von Exkursions- und Kooperationsbetrieben rund um die Schulstandorte angeboten werden, wobei jede Berufsschule einen festen Öko-Kooperationsbetrieb als Ansprechpartner haben sollte. Für die Etablierung dieser Partnerschaften kann auf das ÖkoNetzBW zurückgegriffen werden. Zusätzlich sollten die Lehrlingstreffen in allen drei Lehrjahren in diese Richtung optimiert werden: Diese Berufsschultage in Form von fachpraktischen Ausbildungstagen könnten auch auf Öko-Betrieben stattfinden.

  1. Anpassung der Unterrichtsmaterialien

Die Lehrmaterialien zum Thema Öko-Landbau müssen ausgeweitet und verbessert werden. Erstrebenswert ist eine bundesweite Kooperation zur Bereitstellung qualitativ hochwertiger und aktueller Unterrichtsmaterialien für die verschiedenen Ausbildungsstufen, sodass alle Bundesländer und Schulen Zugang zu den gleichen Lehrmaterialien bekommen. Zur Unterstützung der Lehrkräfte ist insbesondere das Erstellen von Basismaterial für den Öko-Landbau notwendig, wobei hierfür wie auch für die Prüfung von Aktualität, der Integration neuer Forschungsergebnisse und inhaltlicher Vollständigkeit der Materialien vorab ausreichend finanzielle und personelle Kapazitäten geschaffen werden müssten. Die AÖL bietet für diese Prozesse eine aktive Zusammenarbeit an.

Inhalte für den Unterricht könnten zudem auf regionalen Ausbildertreffen – auch im Austausch mit ausbildenden Öko-Landwirt:innen – diskutiert und abgesprochen werden.

Ebenso sollten Analysen der Wirtschaftlichkeit und der Unternehmensführung um den Öko-Bereich ergänzt und verstärkt werden, sodass diese Lehrinhalte der Fach- und Meisterschulen bzw. Angebote aus der Beratung auch auf den Öko-Landbau zugeschnitten sind.

  1. Prüfungsrelevanz des Öko-Landbaus steigern

Basierend darauf, dass Themen des ökologischen Landbaus in der Bildung stärker berücksichtigt werden sollen, müssen in der Konsequenz auch Öko-Betriebe in Prüfungsumgebungen präsenter werden. Dementsprechend fordern wir, dass mehr Prüfungen auf Öko-Prüfungsbetrieben stattfinden und Öko-Akteur:innen auch öfter in die Prüfungsausschüsseberufen werden. Gleichzeitig gehen wir von einer Gleichwertigkeit der Prüfungsfragen aus – d.h. Fragen zur ökologischen Bewirtschaftung sollten die gleiche Tiefe und Erwartbarkeit bieten wie Fragen zur konventionellen Bewirtschaftung. Insgesamt soll somit ein paritätisches Verhältnis von konventioneller und ökologischer Landwirtschaft entstehen – bei Prüfungsbetrieben, Anzahl und Inhalten der Prüfungsfragen.

Darüber hinaus sollten grundsätzlich alle sich für Prüfungen zur Verfügung stellenden Betriebe – sowohl biologisch als auch konventionell – eine angemessene Entschädigung erhalten.

  1. Verbesserung grundsätzlicher Rahmenbedingungen

Grundsätzlich werden in den Ländern zentrale Ansprechpartner:innen benötigt, die mit ausreichend Ressourcen ausgestattet sind und die Umsetzung von Maßnahmen koordinieren.

Die Zusammenarbeit der verschiedenen Stakeholder in der Bio-Branche sollte verbessert werden. Das bedeutet, dass die ökologische Wirtschaftsweise über die landwirtschaftliche Ausbildung hinaus auch in Handwerksberufen der Land- und Ernährungswirtschaft sowie der Verarbeitung und Lebensmitteltechnologie verankert werden muss. Wie eingangs erwähnt, sollte darüber hinaus die Ökologisierung als Standard in der Grundausbildung – auch der konventionellen Landwirtschaft – entwickelt werden. Diese genannten Themenschwerpunkte sollten generell neben der rein landwirtschaftlichen Berufsbildung und den Ausbildungsberufen der Land- und Ernährungswirtschaft auch bereits an den weiterführenden allgemeinbildenden Schulen einen höheren Stellenwert im Unterricht einnehmen.

Gute Beispiele der Bildung im Bio-Bereich in Baden-Württemberg sollten transparent und bekannt gemacht werden, damit sie multipliziert werden können. Daher ist es wichtig, den Erfahrungsaustausch zu fördern. Dies könnte z.B. über eine zentrale Plattform als Anlaufstelle, auch für den Austausch von Materialien, ermöglicht werden. Des Weiteren würden Termine zum Kennenlernen, Austauschen und Vernetzen den Öko-Landbau in der Bildung weiter voranbringen. Zielführend ist ein Austausch bei einem runden Tisch des Landesbauernverbands mit Beteiligung der AÖL. Umgesetzt werden muss schließlich, um das Know-How der Bio-Verbände nachhaltig einzubinden und auch auf institutioneller Ebene eine Gleichwertigkeit von „konventionell“ und „öko“ zu erreichen, eine grundsätzliche institutionelle Verankerungder Bio-Verbände im Bereich der landwirtschaftlichen Ausbildung (Bildungsausschüsse, Prüfungsausschüsse etc.).

In die weitere Arbeit sollten auch freie Initiativen wie die Freie Landbauschule Bodensee sowie die Koordination Biodynamische Ausbildung im Süden mit einbezogen werden.

Abschließend

Die baden-württembergische Landesregierung möchte bis 2030 den Anteil des Öko-Landbaus an den landwirtschaftlichen Flächen auf 30 bis 40 Prozent steigern. Gleichzeitig soll der Anteil des Öko-Landbaus in der Bildung ebenfalls stark ausgeweitet werden, sodass in der beruflichen Bildung ein Gleichgewicht von ökologischem und konventionellen Anbau erreicht wird. Um diese Ziele zu erreichen und die verschiedenen Stränge – verschiedene Stufen der beruflichen Bildung, verschiedene Strukturen und unterschiedlicher Anspruch der Ausbildungen – zu bündeln, ist ein Gesamtkonzept erforderlich, das eine aufbauende Ausbildung ermöglicht. Dabei sollten die verschiedenen Ausbildungsstufen ineinandergreifen, Themen vertieft, aber nicht gedoppelt werden.

Wie bereits angemerkt ist die Grundausbildung von großer Relevanz für die Wahl des weiteren Ausbildungsweges. Daher sind vor allem hier der Öko-Landbau und die Ökologisierung der Landwirtschaft zu verankern. Für eine zukunftsfähige Landwirtschaft braucht jede:r Landwirt:in eine breite Wissensgrundlage von Öko-Landbau und Ökologisierungsmechanismen. Für eine erfolgsversprechende Umsetzung muss die Öko-Branche intensiv an der Planung beteiligt werden. In diesem Sinne sollten die ökologischen Anbauverbände auch im Berufsbildungsausschuss vertreten sein. Die AÖL bietet hier ihre aktive Mitwirkung an.

Das ausführliche Eckpunktepapier „Bildung in der Landwirtschaft“ als PDF zum Download.