Studie EVA-BioBW veröffentlicht – Biobauern fordern Einrichtung Innovationsfonds für heimische Land- und Lebensmittelwirtschaft

Esslingen / Stuttgart, 5. Februar 2021. Im Sommer 2020 hat der baden-württembergische Landtag eine Ausweitung des ökologischen Landbaus auf 30 bis 40 Prozent bis zum Jahr 2030 beschlossen. Um die politisch angestrebte Ausweitung der öko-bewirtschafteten Fläche ohne Marktverwerfungen zu realisieren, braucht es konkrete Förderinstrumente und -Maßnahmen zur Stimulierung der Bio-Nachfrage. Hierfür hat das Land im vergangenen Jahr eine Produktions- und Marktpotenzialerhebung und -analyse für die Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung ökologischer Agrarerzeugnisse und Lebensmittel aus Baden-Württemberg (kurz: EVA-BioBW 2030) beauftragt. Die Ergebnisse dieser Studie wurden gestern im Beisein von Minister Peter Hauk öffentlichkeitswirksam vorgestellt. Die Studienautoren kommen zu dem Schluss, dass die Land- und Lebensmittelwirtschaft in Baden-Württemberg über hervorragende Startbedingungen verfügt und enormes Marktpotential für die Ökologisierung von Gastronomie, Lebensmittelhandwerk und mittelständiger Ernährungsindustrie besteht.

„Als Sektorvertretung haben wir die Studie eng begleitet und unsere Einschätzungen zur Marktsituation einfließen lassen. Es freut uns, dass die Studie konsequente und sehr konkrete Maßnahmen aufzeigt, die das Land nun dringend angehen muss“, so Hans Bartelme als Vorstand der AÖL. „Das jüngst veröffentlichte Öko-Barometer des Bundeslandwirtschaftsministeriums zeigt klar auf, dass die Nachfrage nach Bio da ist, wenn der Zugang zu den Produkten entsprechend leicht ist“, so Marcus Arzt, weiterer AÖL-Vorstand. „Bezogen auf die Herausstellung der beiden verknüpften Kriterien heimische Herkunft mit ökologischer Erzeugung sehen wir noch erhebliche Chancen, die es im Interesse der heimischen Land- und Lebensmittelwirtschaft zu nutzen gilt“, so Arzt weiter.

AÖL-Geschäftsführer Dr. Christian Eichert verwies hier auf den erarbeiteten Maßnahmenkatalog der AÖL: „Viele unserer Ideen und Maßnahmen finden sich auch in der Studie wieder.“ Nun sei das Land gefordert, die Erkenntnisse mit Leben zu füllen. „Wir fordern die nächste Landesregierung dazu auf, in ihrem Koalitionsvertrag einen Innovationsfonds für die heimische Land- und Lebensmittelwirtschaft zu beschließen – und mit entsprechenden finanziellen Mitteln zu hinterlegen“, so Dr. Eichert. Derzeit sei die Finanzierung des Aktionsplans „Bio aus Baden-Württemberg“ nur für die Jahre 2020 und 2021 gesichert – und in der Höhe von jeweils 4,5 Millionen Euro nicht ansatzweise ausreichend, um die politisch gesetzte Zielmarke zu erreichen. Grundvoraussetzung zur Erreichung des vorgenannten Ausbauziels sei eine angemessene Mittelbereitstellung für konkrete Maßnahmen zur Marktstimulierung für heimisches Qualitäts-Bio. Nur wenn der Theorie konkretes Handeln folgt, könne das politisch vorgegebene Ausweitungsziel auch erreicht werden.

Maßnahmen Innovationsfonds für die heimische Land- und Lebensmittelwirtschaft

 1. Imagebildung für heimische Bioprodukte
1.1. Finanzierung und Umsetzung einer Marketingkampagne zur Heraushebung der positiven gesellschaftlichen Leistungen des Sektors gegenüber einer breiten Öffentlichkeit zur Nachfragestimulierung;
1.2. Finanzierung und Umsetzung einer Tourismusstrategie, die die Belange der heimisch-ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft in den Fokus setzt. Die Wertigkeit von Bio-Lebensmitteln aus Baden-Württemberg passt ideal zur Naturnähe wichtiger Tourismusdestinationen wie Schwarzwald, Bodensee, Schwäbisches Allgäu, Schwäbische Alb, …;
1.3. Zur Profilschärfung erarbeitet das Land für die heimisch-ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft ein Konzept zur Klimaneutralität bis zum Jahr 2030. Ergänzend werden die Vorteile in den Bereichen Tierschutz und Ressourceneffizienz herausgearbeitet und kommuniziert.

 2. Chancen des Außer-Haus-Marktes nutzen
2.1. Umsetzung eines landesweiten Programms zur Stärkung der Nachfrage von Bioprodukten in der staatlichen Gemeinschaftsverpflegung;
2.2. Einrichtung einer Agentur zur Unterstützung des infant industry Sektors Bio-Außer-Haus-Verpflegung. Ziele u.a.
a.) Etablierung einer Beratung im Bereich Ausschreibungsrecht und zukunftsfähige Beschaffungsrichtlinien,
b.) landesweite Angebotsbündelung und -koordination,
c.) Transparenzschaffung über bestehende Liefer- und Verarbeitungsstrukturen;
2.3. Übernahme der Öko-Kontrollkosten für neu umstellende Gastronomie- und Hotelleriebetriebe in den ersten 2-3 Jahren der Bio-Umstellung;

 3. Stärkung der handwerklichen Lebensmittelverarbeitung
3.1. Finanzierung und Einrichtung eines Sonder-Fördertopf für die Bio-Verarbeitung, das Bio-Lebensmittelhandwerk und die Bio-Gastronomie;
3.2. Konzeption und Angebot von staatlich bezuschussten Beratungsmodulen (Förderquote mind. 80 Prozent) für die Bio-Umstellung von Akteuren aus dem Lebensmittelhandwerk (orientiert am Projekt „Beratung.Zukunft.Land“);
3.3. Übernahme der Öko-Kontrollkosten für neu umstellende Verarbeitungsunternehmen, sowie Betriebe aus dem Lebensmittelhandwerk in den ersten 2-3 Jahren der Bio-Umstellung;
3.4. Schaffung eines Sonderfonds für die Förderung von Investition in neue Verarbeitungsmaschinen im Zuge der Bio-Umstellung;
3.5. Qualifizierung von Bio-Handwerksbeauftragten und Etablierung „Runder Tische“ für das Bio-Lebensmittelhandwerk;

 4. Stärkung von Erfassungs-, Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen
4.1. Aufbau von spezifischen Vermarktungsstrukturen zur Stärkung des heimischen Ökolandbaus über das Marktstrukturgesetz;
4.2. Ausschreibung von EIP-Projekten zur Öko-Marktentwicklung und zum Aufbau von Öko-Vermarktungsstrukturen;
4.3. Etablierung eines durch das MLR organisierten jährlichen „Bio-Gipfels“ mit Akteuren aus den Bereichen Erzeugung, Verarbeitung & Vermarktung und Handel;
4.4. Einrichtung mehrerer Cluster „ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft in Baden-Württemberg“ und Implementierung eines Cluster- und Innovationsmanagements. Es müssen spezifische Cluster für spezialisierte Regionen geschaffen werden, so z.B. für die Sektoren Bio-Milch und Bio-Rindfleisch aus dem Schwarzwald und Allgäu, Bio-Schweine aus der Hohenlohe, …;
4.5. Maßnahmen zur Unterstützung der heimisch-ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft beim Aufbau eines Exportkonzepts (NL, F, DK, I, …).


Zur AÖL: Als Bindeglied zwischen Politik, Markt und Verbraucher nimmt die AÖL eine zentrale Position ein, um die Belange der ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschat durch aktive Vernetzungs- und Gestaltungsarbeit zu befördern. Es gilt, gemeinsam mit staatlichen Einrichtungen und anderen berufsständigen Organisationen die gesellschaftlich erwünschten Vorteile von ökologisch erzeugten und verarbeiteten Produkten – im Besonderen von heimischer Öko-Verbandsware – gegenüber dem Verbraucher als Konsument wie als Steuerzahler herauszuarbeiten.

Ansprechpartnerin für Presseanfragen: Xenia Milosavljevic, Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau Baden-Württemberg e.V. (AÖL e.V.), c/o Bioland Landesverband Baden-Württemberg e.V., Schelztorstr. 49, 73728 Esslingen, T. +49 711 550939-19, M. +49 151 17127729, E-Mail: xenia.milosavljevic@aoel-bw.de